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Der Körper erinnert sich: Wie man mithilfe der Neurobiologie des Traumas Sicherheit und Regulationsfähigkeit wiederherstellt

Wenn wir Trauma nicht als etwas verstehen, das dem Körper widerfahren ist, sondern als etwas, das im Körper weiterlebt, verändert sich unsere gesamte Herangehensweise an die Heilung. Trauma wird nicht durch das Ereignis selbst definiert. Es wird durch die darauf folgende innere Erfahrung definiert, durch die Art und Weise, wie das Nervensystem das Leben so organisiert, als ob die Bedrohung nie geendet hätte. Wie Bessel van der Kolk es beschreibt, lebt das Trauma unverändert und unveränderlich im Körper weiter und kontaminiert jede neue Begegnung mit den Überresten der Vergangenheit.
Dieses Verständnis ist nicht nur philosophisch bedeutsam. Es lässt sich auch klinisch umsetzen. Wenn wir erkennen, dass Trauma eine innere Dynamik ist, gibt uns das – und unseren Klienten – die dringend benötigte Handlungsfähigkeit. Wir können nicht immer ändern, was passiert ist. Aber wir können mit dem arbeiten, was gerade jetzt, im gegenwärtigen Moment, in uns vorgeht.
Trauma sitzt im Nervensystem
Das Nervensystem ist der Schauplatz der Traumabehandlung. Wenn eine Person eine überwältigende Bedrohung erlebt, reagiert das autonome Nervensystem, indem es den Körper auf Überleben einstellt. Der sympathische Zweig beschleunigt die Herzfrequenz, schärft die Aufmerksamkeit und bereitet den Körper auf Kampf oder Flucht vor. Wenn diese Überlebensreaktion nicht abgeschlossen werden kann, kann das parasympathische System den Körper in einen dorsalen Vagus-Kollaps versetzen: Abschalten, Erstarren, Dissoziation und jene Art von tiefer Verzweiflung, die von außen wie eine Depression oder Rückzug wirken kann.
Was viele Therapeuten bei Klienten mit komplexen oder entwicklungsbedingten Traumata beobachten, ist, dass diese Zustände des Nervensystems keine vorübergehenden Reaktionen auf Bedrohungen mehr sind, sondern zu einer Art Standardmodus werden, wie man in der Welt steht. Der Klient, der chronisch ängstlich und übermäßig wachsam ist, reagiert nicht übertrieben. Sein Nervensystem hat – oft schon sehr früh im Leben – gelernt, dass die Welt nicht sicher ist. Der Klient, der wie abgeschaltet oder emotional flach wirkt, ist nicht unmotiviert. Er befindet sich in einem schützenden Zusammenbruch, der einst eine Überlebensfunktion hatte.
Das Ziel der Traumabehandlung besteht also nicht einfach darin, Erinnerungen zu verarbeiten oder Symptome zu beseitigen. Es geht darum, die Flexibilität des Nervensystems wiederherzustellen: die Fähigkeit, fließend zwischen Zuständen der Aktivierung und der Ruhe, zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen dem gefühlten Erleben von Bedrohung und dem gefühlten Erleben von Sicherheit zu wechseln.
Wie Stephen Porges beschrieben hat: Wenn wir nicht in einem ineffizienten Zustand des Nervensystems feststecken, bauen wir Flexibilität im autonomen Nervensystem auf, was wiederum die psychische Flexibilität fördert. Gesundheit ist auf ihrer grundlegendsten Ebene die Fähigkeit, zwischen sympathischer und parasympathischer Aktivierung zu wechseln, anstatt in einer der beiden festzustecken.
Warum körperorientierte Interventionen bei der Traumabehandlung wichtig sind
Gesprächstherapien sind sehr wirkungsvoll, funktionieren aber hauptsächlich von oben nach unten und sprechen dabei den präfrontalen Kortex und die Sprachzentren des Gehirns an. Traumata sind jedoch oft im Körper gespeichert, unterhalb der Ebene der bewussten Erzählung. Deshalb kann ein Klient zwar intellektuell verstehen, dass die Gefahr vorbei ist, und trotzdem in seinem Körper noch Angst spüren. Das denkende Gehirn und der fühlende Körper bewegen sich auf unterschiedlichen Zeitebenen.
Körperbasierte oder somatische Interventionen bieten einen Bottom-up-Zugang zum Nervensystem. Anstatt mit Einsichten oder Geschichten zu beginnen, gehen sie von Empfindungen, Atem, Körperhaltung und gefühlten Erfahrungen aus. Dabei geht es nicht darum, aufzustehen und herumzuspringen oder komplizierte Bewegungen auszuführen. Bei der somatischen Praxis geht es im Grunde um verkörperte Präsenz: die Fähigkeit, so weit zu entschleunigen, dass man wahrnehmen kann, was in diesem Moment tatsächlich im Körper geschieht.
Wenn wir einen Gang zurückschalten, hat der Verstand die Möglichkeit, mit dem Nervensystem gleichzuziehen. Und wenn ein Klient bemerkt, dass er eine körperliche Empfindung auch nur ein wenig verändern kann, passiert etwas Wichtiges. Er entdeckt, dass er selbst etwas bewirken kann. Er lernt – manchmal zum ersten Mal –, dass er die Fähigkeit besitzt, seinen eigenen inneren Zustand zu beeinflussen.
Ein klinisches Beispiel: Den Körper dort abholen, wo er gerade steht
Stell dir eine Klientin vor, die zur ersten Sitzung kommt und unter tiefer Trauer und körperlichen Beschwerden leidet. Ihre Angst liegt bei zehn von zehn. Ihre Übelkeit, eine körperliche Ausprägung ihres Traumas, liegt ebenfalls bei zehn. Anstatt gleich mit der Anamnese oder der Psychoedukation loszulegen, beginnt die Sitzung mit dem Körper.
Mit ihrer Erlaubnis setzt sich der Therapeut auf den Boden und legt seine Hände sanft auf die Füße der Klientin. Die Klientin wird durch eine nur zwei bis drei Minuten dauernde langsame Zwerchfellatmung geführt. Am Ende dieser wenigen Minuten sind sowohl die Angst als auch die Übelkeit auf eine Vier gesunken. Nach weniger als fünfzehn Minuten in der ersten Sitzung macht die Klientin eine tiefgreifende Erfahrung, die sie vielleicht noch nie zuvor gemacht hat: das Bewusstsein, dass sie ihre Gefühle verändern kann.
Das ist die Grundlage für Selbstwirksamkeit in der Traumabehandlung. Es ist keine Zusicherung, dass die Heilung einfach oder schnell vonstattengehen wird. Es ist ein kleiner, körperlich erlebter Beweis dafür, dass es möglich ist. Etwas kann sich verändern. Das Nervensystem ist nicht unveränderlich. Und dieses Wissen ist der erste Keim der Hoffnung.
Neuroplastizität und die therapeutische Beziehung
Die Neuroplastizität lehrt uns, dass sich das Gehirn als Reaktion auf Erfahrungen während des gesamten Lebens ständig verändert. Das ist die biologische Grundlage für die Möglichkeit der Heilung. Aber nicht jede neuroplastische Veränderung verläuft in eine hilfreiche Richtung. Wiederholter Stress, Grübeln und das Denken in Worst-Case-Szenarien verankern und verstärken ebenfalls überlebensorientierte Muster. Wir Therapeuten sind keine passiven Beobachter dieses Prozesses. Wir sind aktive Teilnehmer daran.
Deshalb ist die therapeutische Beziehung so wichtig, besonders bei Klienten, die Entwicklungs- und Beziehungstraumata mit sich tragen. Wenn ein Klient, der wiederholt abgelehnt wurde, einem Therapeuten gegenüber sitzt, der ihm mit echter Aufmerksamkeit und Herzlichkeit begegnet, passiert etwas neurologisch Bedeutsames. Eine alte Erwartung wird durchbrochen. Eine neue Erfahrung entsteht. Der Schlüssel liegt darin, diesen Moment einzufangen und ihn wirken zu lassen. Anstatt schnell zur nächsten therapeutischen Aufgabe überzugehen, kann der Therapeut innehalten und fragen: Wie fühlt es sich gerade an, zu spüren, dass ich hier bei dir bin?
Diese Frage ist kein Zufall. Sie ist die Intervention selbst. Sie regt das Nervensystem des Klienten dazu an, etwas Neues wahrzunehmen, und diese Wahrnehmung beginnt – wenn sie sich im Laufe der Zeit wiederholt – die Beziehungsmuster neu zu verknüpfen, die durch das Trauma etabliert wurden.
Den Blickwinkel erweitern: Von traumainformiert zu resilienzorientiert
Eine traumainformierte Sichtweise ist unerlässlich. Sie hilft Fachkräften, hinter die offensichtlichen Symptome zu blicken und die zugrunde liegenden Ursachen zu erkennen sowie zu verstehen, wie belastende Erlebnisse die innere Welt einer Person geprägt haben. Eine Sichtweise, die sich jedoch ausschließlich auf Symptome und Leid konzentriert, kann unbeabsichtigt eine Erzählung verstärken, in der das Leiden die ganze Geschichte ausmacht.
Ein resilienzorientierter Ansatz erweitert diese Perspektive, ohne sie zu verwerfen. Er lädt Kliniker dazu ein, auch zu fragen: Wie hast du überlebt? Wer hat dir geholfen, so weit zu kommen? Wann hast du dich am meisten mit dir selbst oder der Welt um dich herum verbunden gefühlt? Das sind keine Ablenkungen vom Schmerz. Es sind ebenso echte Bestandteile des klinischen Bildes, und sie aktivieren andere neuronale Netzwerke als jene, die mit Bedrohung und Niederlage verbunden sind.
Wenn ein Klient anfängt, über Momente der Stärke, der Verbundenheit oder unerwarteter Gnade zu sprechen, passiert oft etwas Sichtbares. Er strahlt. Seine Körperhaltung verändert sich. Seine Stimme verändert sich. Das ist keine Show. Es ist eine echte Veränderung im Zustand des Nervensystems, und sie ist klinisch bedeutsam. Wenn sowohl der Therapeut als auch der Klient eine Sitzung mit einem etwas leichteren Gefühl verlassen, als sie gekommen sind, ist das kein Zeichen dafür, dass die schwierige Arbeit vermieden wurde. Es ist ein Zeichen dafür, dass die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrungen gewürdigt wurde.
Die Zukunft der Traumatherapie liegt in der Integration
Trauma-Therapie in ihrer besten Form ist eine Verbindung von Top-down- und Bottom-up-Ansätzen, von Sprache und Empfindung, vom analytischen Verstand und dem wahrnehmenden Körper. Sie ist zudem eine Verbindung der Trauma-Erzählung und der Resilienz-Erzählung, die durch Fürsorge und klinisches Geschick zusammengehalten werden.
Die Neurobiologie des Traumas gibt uns eine Orientierung. Die therapeutische Beziehung gibt uns die Mittel an die Hand. Und die verkörperte Präsenz, die wir in den Raum einbringen – unser eigenes ausgeglichenes Nervensystem, unsere aufrichtige Aufmerksamkeit, unsere Bereitschaft, da zu bleiben –, ist oft die wirkungsvollste Intervention, die wir zu bieten haben.
Der Körper erinnert sich. Und unter den richtigen Bedingungen weiß der Körper auch, wie er sich selbst heilen kann.
2-tägig: Polyvagaltheorie für die ganzheitliche Traumaverarbeitung: Zertifizierungstraining zum Certified Clinical Trauma Professional (CCTP)
In diesem spannenden Gespräch werden Janina Fisher und Arielle Schwartz die Zukunft der Traumabehandlung beleuchten und darüber sprechen, wie Neurowissenschaften, Körperbewusstsein und mitfühlende Präsenz die klinische Praxis verändern





