Wie Traumata im Körper gespeichert werden – und warum das für deine Arbeit wichtig ist

Erforsche, warum Trauma nicht nur eine psychologische Erfahrung ist, um besser zu verstehen, warum somatische Prägungen für eine wirksame therapeutische Arbeit entscheidend sind.
Farbenfroher Geist

Ein Trauma ist nicht nur eine Geschichte, die Klienten erzählen. Es ist eine Erfahrung, die im Körper verankert ist. Tatsächlich fühlt sich vieles, womit Klienten im Alltag zu kämpfen haben, vielleicht gar nicht wie eine Erinnerung an. Das liegt daran, dass ein Trauma nicht immer als zusammenhängende Erzählung gespeichert wird. Stattdessen ist es in impliziten emotionalen und körperlichen Zuständen verankert.

Wie der Körper Traumata speichert

Wenn jemand ein traumatisches Ereignis erlebt, umgeht das Gehirn oft die narrative Verarbeitung durch die linke Gehirnhälfte zugunsten der schnelleren, überlebensorientierten Reaktionen des Körpers. Diese Umstellung hat evolutionäre Wurzeln. Wenn eine Bedrohung auftaucht, wie zum Beispiel ein Raubtier in der Wildnis, können Erstarrung oder Hypervigilanz mehr Schutz bieten als das Nachdenken über den letzten Angriff.

Doch diese Überlebensreaktion hat ihren Preis. Wenn Angst, Einsamkeit oder Hilflosigkeit nicht als explizite Erinnerungen, sondern als emotionale und physiologische Zustände gespeichert werden, können sie ohne Zusammenhang wieder auftauchen. Klienten merken oft gar nicht, dass sie sich an etwas erinnern. Sie fühlen sich einfach nur ängstlich, taub oder wie abgeschaltet. Diese Erlebnisse können aus dem Nichts auftauchen und sehr verwirrend wirken.

Wie Dr. Dan Siegel betont hat, sind diese impliziten Erinnerungen nicht mit dem Gefühl verbunden, dass man sich an sie erinnert. Stattdessen handeln, fühlen und reagieren Menschen auf die Gegenwart so, als wäre sie die Vergangenheit, ohne sich bewusst zu sein, dass sie von einem früheren Trauma beeinflusst werden.

Was Trauma-Auslöser wirklich bedeuten

Genau das meinen wir, wenn wir davon sprechen, „getriggert“ zu werden. Es ist nicht nur eine emotionale Reaktion. Es ist die instinktive Reaktion des Körpers auf aktuelle Reize, die – wenn auch nur ganz subtil – an vergangene Gefahren erinnern.

Ein eindrucksvolles Beispiel stammt von einem Klienten, den wir mal Ben nennen. Er kam jedes Jahr im Oktober zur Therapie und war überzeugt, dass seine Depression auf eine saisonale affektive Störung zurückzuführen sei. Doch ein tiefergehendes Gespräch brachte zutage, dass kühles, bewölktes Wetter eine körperliche Erinnerung daran auslöste, wie er in den Wintern in North Dakota mit seiner misshandelnden Mutter im Haus gefangen war. Seine Depression war nicht saisonbedingt. Es war sein Nervensystem, das sich auf eine Bedrohung vorbereitete, die gar nicht mehr da war.

Was das für deine klinische Arbeit bedeutet

Das Verständnis dafür, welche Rolle der Körper bei der Speicherung von Traumata spielt, führt zu einer Veränderung in unserer Herangehensweise an die Therapie:

  • Normalisiere nicht-narrative Traumasymptome. Viele Klienten schämen sich oder sind verwirrt, wenn sie sich nicht „erinnern“ können, was ihre Not verursacht. Wenn du ihnen hilfst zu verstehen, dass Traumata oft als Empfindungen oder Emotionen – und nicht als Geschichten – gespeichert sind, kann das Schamgefühle verringern und die Einsicht fördern.
  • Verwende eine körperbezogene Sprache. Frag deine Klienten, wo sie die Emotion in ihrem Körper spüren. Erforsche, wie sich ihr Körper verhält, wenn bestimmte Gefühle aufkommen – Anspannung, Erstarrung, Abspannen, Zusammenbrechen. Das fördert das Bewusstsein und legt den Grundstein für die Regulierung.
  • Erkenne die verschleierte Erinnerung. Emotionale Zustände wie Angst, Hilflosigkeit oder Trauer sind vielleicht nicht neu – sie können Echos früherer Erfahrungen sein. Vor allem in Zeiten kollektiven Stresses (wie Pandemien, politische Unruhen oder soziale Entfremdung) kann es vorkommen, dass bei Klienten alte Wunden ohne ersichtlichen Grund wieder aufbrechen.
  • Unterstütze implizite Integration. Ansätze wie Somatic Experiencing, EMDR, sensomotorische Psychotherapie und Parts-Arbeit können Klienten dabei helfen, diese impliziten Erinnerungen behutsam zu verarbeiten, ohne dass eine vollständige narrative Erinnerung erforderlich ist.

Ein Trauma ist nicht nur etwas, das damals passiert ist. Es ist etwas, das auch heute noch im Nervensystem weiterleben kann. Wenn wir als Therapeuten Raum für die körperlichen Erfahrungen unserer Klienten schaffen und ihnen helfen, „unsinnige“ Reaktionen einzuordnen, geben wir ihnen die Kraft, ihre Beziehung zur Vergangenheit neu zu gestalten und in der Gegenwart wieder ein Gefühl der Sicherheit zu finden.

Kurs „Complex Trauma Certification Training Level 1 & 2 (CCTP/CCTP-II)” mit Janina Fisher
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